physiosail - Segeltherapie für Menschen mit Behinderung

physiosail ist eine Segeltherapie für Erwachsene und Kinder mit Behinderung, die vom Verein zur Förderung der Segeltherapie e.V. in Kooperation mit dem Segel Club Münster auf dem Aasee durchgeführt wird. physiosail hat zum einen das Ziel, Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen an den Segelsport als Freizeitaktivität heranzuführen und zum anderen den Segelsport als Basis für die Physiotherapie zu nutzen.

Auf diesen Praxisseiten von „physiotherapie Christina Groll“ finden Sie nur eine Kurzbeschreibung von physiosail. Informieren Sie sich ausführlich über die Segeltherapie für Menschen mit Behinderung auf der Internetseite von physiosail!

Segeltherapie - Alternative in der physiotherapeutischen Behandlung

In der Segeltherapie wird das Segeln als Basis für physiotherapeutische Behandlungen genutzt wird. Viele Menschen mit (körperlichen) Beeinträchtigungen sind häufig zeitlebens auf Therapien wie beispielsweise Physiotherapie angewiesen, um ihre gesundheitliche Situation zu verbessern, den Status Quo zu halten oder Verschlimmerungen und Nebenerkrankungen zu vermeiden oder zu verzögern. Dies birgt unter anderem das Risiko von Motivationsschwierigkeiten, insbesondere wenn der Gesundheitszustand auf Grund der Krankheits-Charakteristika nicht verbessert werden kann. Damit langfristige Therapieerfolge erzielt werden können, empfiehlt es sich, eine alltags- und freizeitbezogene Therapieform zu wählen, die außerhalb des klassischen physiotherapeutischen Settings stattfindet.

Segeltherapie in der Forschung

Segeln als Therapieergänzung wurde bisher nur geringfügig wissenschaftlich untersucht. Es sind überwiegend Studien in dem Bereich des Leistungssports und vereinzelt im Breitensport mit nicht-behinderten Menschen durchgeführt worden (vgl. Allen & De Jong 2006; Blackburn 1994; Legg et al. 1997; Sekulic et al. 2006; Spurway, Legg & Hale 2007; Vogiatzis et al. 2008). Diese Ergebnisse können allerdings nur bedingt auf das „disabled sailing“, also das Segeln von Menschen mit Beeinträchtigung, projiziert werden.

Aktuell kann nur auf eine Studie, die im Rahmen eines Studienprojekts im Master-Studiengang der Fachhochschule Osnabrück durchgeführt wurde, zurückgegriffen werden (vgl. Groll 2010). Ziel dieser Untersuchung war es, die möglichen Effekte des Segelsports auf Menschen mit Beeinträchtigung, z.B. Hemiplegie (Halbseitenlähmung), Para- und Tetraplegie (Querschnittslähmung) sowie Multiple Sklerose oder Aufmerksamkeits-Hyperaktivitäts-Syndrom, zu identifizieren. Dazu wurden die Einschätzungen von Experten weltweit, die einen medizinisch-therapeutischen Hintergrund haben und im Bereich des „disabled sailing“ aktiv sind, mittels Interview oder schriftlicher Befragung erhoben. Es wurden sowohl globale Effekte des Segelns als auch diagnose-spezifische Wirkungen generiert.

Effekte der Segeltherapie bei Menschen mit Behinderung

Die Studie hat gezeigt, dass Segeln als Therapie angesehen werden kann (ebd.). Die Patienten sind auf Grund der komplexen Anforderungen beim Segeln darauf angewiesen, alle vorhandenen (Rest-) Funktionen optimal auszunutzen. Außerdem werden die körperliche Aktivität sowie das Gleichgewicht und die Rumpfstabilität gefördert (ebd.). Die Kräftigung der Rumpfmuskulatur wurde in Studien mit Leistungssportlern bestätigt (vgl. Sekulic et al. 2006).

Das Segeln führt nach Einschätzung der Experten zu einer Steigerung des Selbstbewusstseins und der Zufriedenheit, was Kuhn (2001) in ihrer Studie bestätigt. Weiterhin bekommen die Teilnehmenden die Möglichkeit, eine Aktivität auszuüben, die sie sich zuvor nicht zugetraut haben und können trotz massiver Beeinträchtigungen mit nicht-behinderten Menschen konkurrieren (vgl. Dunker 2008; Groll 2010).

Im Rahmen einer Master-Arbeit wurde eine Studie durchgeführt, in der der Einfluss segelbasierter Physiotherapie auf die Lebensqualität von Schlaganfall-Patient(inn)en untersucht wurde (vgl. Groll 2010a). Es hat sich eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität gezeigt. Sowohl hinsichtlich der körperlichen Parameter wie beispielsweise den manuellen Fähigkeiten oder dem Gang als auch bezüglich der psychosozialen Parameter zeigten die Teilnehmenden deutliche Verbesserung. Die Betroffenen konnten durch die Ausübung des Segelsports aus der Patienten-Rolle heraus in die Rolle eines sportlich-aktiven Seglers finden. Es war weiterhin ein verstärkter Einsatz der betroffenen Hand festzustellen, da die Teilnehmenden gelernt hatten, alle vorhandenen Ressourcen zu nutzen. Dabei war es für alle von elementarer Bedeutung, dass die Maßnahmen durch eine qualifizierte Physiotherapeutin angeleitet wurden.

Erfahrungen mit der Segeltherapie im Ausland

Im Rahmen eines Stipendiums der Robert-Bosch-Stiftung habe ich in Sydney und Melbourne (Australien) in diversen Sailability Zentren sowie in Rehabilitationskliniken hospitiert. In Australien ist Segeln als Freizeitangebot für Menschen mit (schwersten) Behinderungen stark verbreitet. Auch der therapeutische Ansatz wird berücksichtigt, in dem in einigen Rehabilitationskliniken Segelsimulatoren eingesetzt werden, mittels derer die Patienten auf das Segeln vorbereitet werden. Während des siebenwöchigen Aufenthaltes habe ich viele Informationen gesammelt und Kompetenz hinsichtlich des Segelns als Freizeitangebot aber auch als Therapie erworben.

Den Teilnehmenden ist fachmännische Anleitung von Physiotherapeuten, die zudem Segelinstruktoren sind, besonders wichtig. Vielen Teilnehmenden gibt es ein Gefühl von Sicherheit, da durch die Fachkompetenz der Physiotherapeuten die Beeinträchtigungen, aber auch die zur Verfügung stehenden Ressourcen der teilnehmenden Segler richtig eingeschätzt werden können. Beispielsweise können Physiotherapeuten beim Ein- und Aussteigen gezielte Hilfestellungen bieten, bei der Erarbeitung von Coping Strategien unterstützen und zudem darauf achten, dass das Segeln keine nachteiligen Auswirkungen hat.

Inklusion / Segeln als Freizeitaktivität - auch mit Behinderung

Segeln als Freizeitaktivität oder Breitensport wird im Rahmen von physiosail in Form von integrativen Kursen angeboten. Erwachsene können beispielsweise an dem integrativen Grundkurs teilnehmen, wobei die Theorie in einer größeren Gruppe stattfindet. In der Praxis werden die Teilnehmenden mit Behinderung dann gezielt durch eine Physiotherapeutin, die selbst Segelinstruktorin ist, unterstützt. Die integrativen Ferienkurse oder Workshops bieten Kindern mit Behinderung die Möglichkeit, wie alle anderen Kinder auch, spielerisch segeln zu lernen. Die Gruppe wird dann von einer therapeutisch-seglerischen Fachkraft angeleitet und ist zudem etwas kleiner als die regulären Gruppen. Dadurch kann sowohl auf dem Wasser als auch an Land auf die jeweiligen Bedürfnisse aller Kinder eingegangen werden.